Geschichten von Mensch zu Mensch von Sonja Marlin

NATÜRLICHE POST UND AUSGESTOPFTE MÜCKEN
„Hallo Frau Seidenhaar, lange nich gesehn, was machen Sie so?“, begrüßt mich meine ehemalige Nachbarin Frau Fuchtel bei schönsten Sonnenschein inne Rahlstedter Bahnhofstraße. „Och, ich betätige mich politisch auf meine alten Tage. Ausser Not heraus will ich noch ‘n paar Gesetze durchboxen, also als erstes Anleinpflicht für Mücken in Wehlbrook und in Hegenwald, is lange überfällig, hab ‘ne schwere Allergie.“ „Ich bin dafür, aber wird nich leicht sein. Wer soll die alle festhalten, wenn sie angeleint sind?“ „Keiner muss die festhalten, werden einfach angebunden an Bäume und Sträucher, bissi vonne Vögel aufgefressen sind und denn endlich aussterben.“
„Schöne Vorstellung, und denn komm’ sie ausgestopft ins Museum.“ „Ja, neben Briefmarken. Gibt das eigentlich noch Briefmarken zu kaufen?“ „Na klar, gibt doch noch Briefkästen, also gibt das noch natürliche Post.“ „Stimmt. Gibt ja auch noch Glückwunschkarten richtig zun Verschicken, hab grade ers welche zun Geburtstag gekriegt.“ „Oh, ich hab Ihr’n Geburtstag vergessen, tut mir Leid, Frau Seidenhaar. Gratulier noch nachträglich ganz herzlich.“
„Komm Sie, ich lad Sie zun Eis ein, Frau Fuchtel.“ „Wie ham Sie denn Ihr’n Geburtstag verbracht?“ „Och, mit drei lustige Frauen bein Italiener und den Rest an Computer. Ich bin ja nu auch auf Facebook.“ „Is das nich gefährlich?“ „Ne, gar nich, da sind ganz interessante Typen, mit ein Buddhist tausch ich mich auch manchmal aus. Und ich hab was gelernt, ich zeichne Ihn das mal auf: _(I)_.“ „Was bedeutet das?“ „Is son Gruß, beide Handflächen aneinanderlegt, so!“ Ich zeig ihr das. „Da braucht man keine Worte.“ „Schön is das, Frau Seidenhaar, das merk ich mir, und nächstes Mal begrüßen wir uns so.“ „Ja, denn müssen wir uns nur noch leicht verbeugen und lächeln.“ Wir üben das ‘n paar Mal, da kommt der Ober. „Was darf ich Ihn bring, meine Damen?“ Wir sind uns gleich einig: „‘n großen exotischen Eisbecher mit ‘n kleinen japanischen Schirm, großen Löffel und ohne Stäbchen, und zwei Gläser Sekt, bitte.“ Der Ober lächelt, als er alles hingestellt hat, und wir machen den buddhistischen Gruß hin zu ihn. Denn stoßen wir ers mal an: „Auf die Zukunft, Gesundheit und eine friedliche Welt ohne Mücken und andere Piesackers“ und überlegen, was eines Tages noch alles in den Museum für ausgestorbene Artikel und Lebewesen stehn könnte: Telefonzellen, Autos mit Fahrer, Paketboten, ausgestopfte intakte Familien...
Nach zwei Stunden und zwei weiteren Gläsern verabschieden wir uns leicht beschwipst. So richtig gute Nachbarschaft über den Wegzug der einen hinaus, wie lange wird es das wohl noch geben? Hoffentlich immer.