Geschichten von Mensch zu Mensch von Sonja Marlin

HARMONISCHER ADVENTSNACHMITTAG

Nu is ja bald Weihnachten und ich denk: Lad ich Frau Fuchtel doch mal zun Adventskaffee ein, und sie freut sich auch riesig und bringt mir sogar ‘n Geschenk mit. Wie wir so an Kaffeetisch sitzen, mach ich das gleich mal auf, weil ich neugierig bin. Ich seh das und ein Schreckensschrei entfährt mir. Sie verschluckt sich an ihr’n Kaffee und keucht zwischen ihre Hustenanfälle: „Was... is denn..., Frau... S-s-seiden...ha...haar?“ Und ich: „Frau Fuchtel, hab ich etwa ihr’n Geburtstag vergessen?“
Sie atmet noch zweimal tief und sagt: „Ne, wie komm Sie da denn auf?“ „Warum schenken Sie mir denn so’n Buch mit Gedächtnistraining?“ „Weil Sie sich das gewünscht ham“, sagt sie. „Ne, hab ich nich“, sag ich. „Das ham Sie vergessen“, sagt sie. „Wirklich? Ich dachte, das is vielleicht ‘n Wink mit’n Zaunpfahl. Ich hab Ihn’ doch mal ‘n Gutschein für einmal Treppe machen geschenkt, weil sie das immer vergesssen ham.“ „Ne, so gemein bin ich nich“, sagt sie. „Außerdem, das midde Vergesslichkeit könn wir doch alle gebrauchen.“ „Da ham Sie recht, Frau Fuchtel.“
„Zun Glück ham wir uns und könn uns immer mal gegenseitig erinnern. Wissen Sie noch, wie Ihr Sohn Ihn’ mal ein Handy aus Schokolade geschenkt hat, weil Sie eins wollten, das leicht zu bedien is und nich so oft klingelt?“ „Ach ja, und wie ich das denn eingeschmolzen und Pralinen aus gemacht hab und eingefror’n und sie ihn nächstes Jahr geschenkt hab, und wie er denn eine gegessen hat und ich gesagt hab: Du beißt grade in mein Handy von letztes Jahr?“ Und wir lachen und kichern und vergessen völlig die Uhr. Längs is das draußen dunkel. Oder war das schon dunkel, als sie gekomm is? Weiß ich jetzt gar nich mehr. „Ham wir eigentlich Sommer- oder Winterzeit“, frag ich sie nach den dritten Martini. Sie überlegt kurz und sagt: „Keins von beiden, jetz is Weihnachtszeit.“ „Ja, richtig“, sag ich. „Und die bleibt hoffentlich wie sie is, oder?“ „Ich denk schon, die kann man nich vor- oder zurückstell’n.“ „Aber öfter könnte sie sein“, sag ich. Und sie: „Finden Sie nich, dass die reichlich oft is inne letzte Zeit.“ „Da ham Sie auch wieder recht, ich erinner mich, dass früher die Jahre länger war’n.“ Daran könn’ wir uns plötzlich beide erinnern und freu’n uns über unser gutes Gedächtnis.
Zun Schluss sag ich denn: „Ich schenk Ihn’ die Taxe nach Haus, Sie sind nämlich ganz schön angeschäkert.“ „Hi-hi“, sagt sie bloß und wir umarm’ uns: Fröhliche Weihnachten. Denn trink ich allein noch ein, guck in die Kerze auf’n Tisch, die fast runtergebrannt is und denk: Worüber ham wir uns früher eigentlich immer gestritten. Aber das is wech aus mein Gedächtnis, völlig wech is das. Und denn pack ich das Buch „Gedächtnistraining“ auch lieber weit wech, damit mir das gar nich erst wieder einfällt.