Geschichten von Mensch zu Mensch von Sonja Marlin

VERLIEBT

„Hallo, Frau Fuchtel“, sag ich zu meine ehemalige Nachbarin an Telefon, „woll’n wir uns nich mal wieder auf’n Kaffee treffen?“ Sie sagt natürlich sofort zu, und schon an selben Nachmittag sitzen wir uns in unsern Lieblingscafé gegenüber.
„Sie sehn gut aus, Frau Seidenhaar“, sagt sie gleich und guckt mich prüfend an. „Ham Sie irgendwas machen lassen?“ „Was mein Sie?“, frag ich zurück und mir dämmert das. „Natürlich nich, Sie wissen doch, würd ich nie... Nee, kommt vielleicht, weil ich verliebt bin.“
Sie verschluckt sich beinah an ihr’n Kaffee: „Was? Wer issas denn diesmal? Kenn ich ihn?“ „Nee, ich kenn ihn ja selbst nich. Hab ihn bloß in Fernsehn gesehn, is ein Rechtsmediziner.“ „Sie mein’, so einer, der Leichen seziert? Ach, denn kann ich mir denken...“ „Ne, nich der“, sag ich. „Is kein Schauspieler, ‘n richtig echter. War ‘ne Doku. Hochinteressant.“ „War das nich gruselig?“ „Natürlich, aber so’n süßer Typ, kann ich Ihn’ sagen. So richtig sympathisch, und ‘ne unglaublich schöne Stimme. Sonst hätt’ ich das ja gar nich ausgehalten.“ „Aber den könn’ Sie ja gar nich kennenlern’, wenn er bloß Tote behannelt.“ „Stimmt. Es sei denn, ich lass mich ermorden, und denn hab ich eigentlich auch nix davon. Aber ich hab ihn ‘ne Mail geschrieben, und er hat mir ganz nett geantwortet.“ „Ham Sie geschrieben, dass Sie sich in ihn verliebt ham?“ „Nich so direkt, denn hätt er ja nich geantwortet. Das hab ich erst inne zweite Mail ganz vorsichtig angedeutet und ihn ein schönes Gedicht gemacht. Kann ich doch so gut, wie Sie wissen.“
„Interessant“, sagt sie. „Und so mutig von Ihn’.“ „Ach, ich weiß nich. Nich so mutig wie mich ermorden zu lassen. Und das Beste is ja, ich kann ihn mir immer wieder inne Mediathek in Internet angucken.“ „Aber denn müssen Sie ja auch immer wieder die Leichen sehn.“ „Wenn man verliebt is, hält man viel aus“, sag ich. „Und gestern war ich bei einer Kardiologin. Da hab ich mir einfach vorgestellt, als ich auf der Untersuchungsliege lag, ich bin tot. Und er steht neben mir und diktiert was Nettes über mich in sein Diktiergerät. Da hatte ich weniger Angst vor eine eventuelle schlimme Diagnose.“
„Is ja toll“, sagt sie. „Und wie war die Diagnose?“ „Alles in Ordnung, hab ‘n ganz gesundes Herz und schöne durchgängige Venen.“ „Na ja, eigentlich kein Wunder. Sie sind ja immer verliebt und ham nie Liebeskummer oder Ärger mit Männer.“ Und denn guckt sie ganz verträumt vor sich hin und sagt: „Sie sind wirklich ‘ne Lebenskünstlerin.“ Ja, weiß ich ja. Man bloß schade, dass ich mich immer, wenn ich mich in seine Nähe träum, sofort tot stelln muss. Würd ihn so gern mal inne Augen gucken, den süßen Rechtsmediziner.