Geschichten von Mensch zu Mensch von Sonja Marlin

SCHRECK IN DER UMKLEIDEKABINE

Also, Frau Fuchtel, das muss ich Ihn' erzähl'n. Gestern wollt ich mir 'n neuen Badeanzug kaufen. Ich geh also in ein Geschäft in Rahlstedt-Center, fragt mich die Verkäuferin, ob ich 'ne Sonnenbrille für die Anprobe brauch. Ich sag: „Warum das denn?“ Und sie: „Viele ältere Damen beklagen sich über die grelle Beleuchtung inne Umkleidekabine.“ „Das is 'ne gute Idee“, sag ich, „da hab ich mich auch schon oft über geärgert.“
Ich geh also mit so'n Anzug, also nicht den schicksten, aber ein', den ich mir bei mir vorstell'n kann, inne Kabine, und nach 'ne Weile hör ich die Verkäuferin rufen: „Wie sieht das aus? Gefällt er Ihn'?“ „Noch nich ganz“, ruf ich zurück. „Ham Sie vielleicht noch 'ne Augenbinde?“ „Ne, das hat noch keine Kundin verlangt.“ „Denn möcht ich bitte ein' Psychologen. – Hallo? Sind Sie noch da?“ „Ja, ja, ich überleg nur, wo ich so schnell 'n Psychologen herkrieg.“ Sie telefoniert leise. Denn sagt sie laut zu mir: „Psychologe is gleich da.“ Wie denn der Psychologe in meine Kabine kommt, merk ich gleich an sein selbstbewusstes Auftreten, dass das keiner is und sag: „Ich wollte nich den Geschäftsführer, sondern ein' Psychologen sprechen.“ „Ich bin beides“, sagt der Mann, „für Damen wie Sie extra geschult. Wie kann ich Ihn' helfen?“
Ich denk, wenn das man nich der hauseigene Elektriker is, der die Kabinenbeleuchtung abschwächen soll, reiß michaber zusamm' und sag: „Sie soll'n mir helfen, mein' Anblick zu ertragen.“ Da lacht er völlig unprofessionell los und kann sich gar nich beruhigen. Er japst nach Luft und sagt: „Das is gut. Ham Sie noch mehr so Sprüche drauf?“ „Natürlich. Ich geb Ihn' mal das Programm von mein' Seniorenheim. Da steh ich morgen auffer Bühne und erzähl was.“ „Und? Ziehn Sie den Badeanzug an?“ „Ne“, sag ich, „ich werd in mein Neoprenanzug auftreten“, lass den Badeanzug und die Brille da und verlass den Laden. Wie finden Sie das, Frau Fuchtel?“ „Ganz schön frech, aber gut, Frau Seidenhaar, wie Sie den das gegeben ham. – Ich glaub allerdings, wie Sie den schildern, is das der Mann aus'n Tabakgeschäft, der spingt überall ein. Zuletzt war er inne Damentoilette. Man müsste sich mal beschwer'n bei den Center-Manager.“ „Ne, ich sag lieber ers mal nix. Aber ich werd ihn beobachten. Vielleicht kann er auch Gitarre oder so. Musiker sind immer schwer zu kriegen für mein Bühnenauftritt.“ „Wie Sie mein', Frau Seidenhaar.“