Geschichten von Mensch zu Mensch von Sonja Marlin

SENTIMENTAL

Klingelt das heute morgen bei mir, und Frau Fuchtel steht vor der Tür. „Frau Seidenhaar, ham Sie grade Zeit? Ich muss mal mit`n vernünftigen Menschen sprechen.“ „Komm` Sie rein“, sag ich, „wo drückt denn der Schuh?“ Wenn sie mich mit `n vernünftigen Menschen bezeichnet, muss ihr das wirklich schlecht gehn, und da helf ich doch gern. Sie sitzt mir also bein Kaffee gegenüber an Tisch und sagt mit Tränen inne Augen: „Mein Telefon klingelt nich mehr.“
Ich guck sie verständnisvoll an: „Das passiert mir auch jedesmal, wenn keiner anruft.“ „Und wie oft kommt das vor?“ „Och, mehrmals an Tach.“ „Und wissen Sie, wer das is?“ „Ich kann mir das meist denken“, sag ich. „Was machen Sie denn?“ „Dasselbe wie Sie, Frau Fuchtel, ich geh einfach wech, denn krieg ich das nich so mit.“
Nu lachen wir beide, und ich freu mich, dass ich sie so schnell aufmuntern konnte. Denn gibt sie mir ihre ganze Aufmerksamkeit und fragt: „Was machen Sie denn Weihnachten, wo nu ihre Eltern tot sind und die Kinder so weit entfernt...?“
„Na ja“, sag ich, „vielleicht komm` sie ja mal wieder in` Norden, das steht noch nich ganz fest, ansonsten hab ich vorgesorgt.“ „Ham Sie sich was Schönes vorgenomm?“ „Ich hab mir das ganze Jahr über nette Briefe geschrieben, und die steck ich ein Tach vor Weihnachten alle in mein Kasten. Denn muss ich nich mal auf`n Briefträger warten und kann Heiligabendgleich die  ganze Post raushol`n und bis Mitternacht lesen.“
„Das is ja plietsch“, sagt sie bewundernd, „auf sowas könn` auch nur Sie komm`. Aber steht da nich überall dasselbe in?“ „Ne“, sag ich, „ich hab mir verschiedene Absender ausgedacht, und jeder hat `n andern Charakter und `n annern Briefstil.“ „Und was machen Sie an ersten Feiertag?“ „Da fang ich schon mal an, alle zu beantworten.“ „Und an zweiten Feiertag? Ne, sagen Sie nix, ich kann mir das denken: Da machen Sie die Absender mit`nanner bekannt.“ „Vielleicht, wenn ich das Gefühl hab, die könnten sich verstehn.“
„Ich merk schon, ich muss mir keine Sorgen um Sie machen, Frau Seidenhaar.“ „Das is doch schon immer mein Reden, Frau Fuchtel.“ Und denn überrede ich sie ganz vorsichtig, aufzubrechen, weil bei ihr zu Hause nämlich gleich das Telefon klingeln wird. Sag ich zumindest.
„Woher wissen Sie... ach...“ Sie schüttelt den Kopf und lacht und verabschiedet sich überschwänglich, und nach `ne gewisse Zeit greif ich nach den Telefonhörer, wähl ihre Nummer und sag: „Frau Fuchtel, ich glaub, wir werden noch mal ganz dicke Freunde.“ „Ne“, widerspricht sie mir, „das sind wir schon lange. Sie ham das bloß nich gemerkt, weil Sie mit ihre Fantasie immer in annere Fähren schweben.“
Ach so? Ach was! Mir fällt ein, dass sie Tränen inne Augen hatte, als sie von ihr stilles Telefon gesprochen hat. Die typische vorweihnachtlich-sentimentale Stimmung. Fast wär ich da auf reingefall`n.