Geschichten von Mensch zu Mensch von Sonja Marlin

DER FRÜHLING UND DIE LIEBE

„Na, woll'n Sie sich 'n neuen Frühjahrsmantel kaufen?“, hör ich plötzlich 'ne Stimme hinter mir, wie ich so ins Schaufenster guck. Ich dreh mich um und seh in das strahlende Gesicht von Frau Fuchtel. „Würd ich schon gern“, sag ich, „aber ich hab schon so viele, letzte Zeit kauf ich am liebsten Mäntel, die schmeicheln mir.“ „Sie mein', die schmeicheln Ihre Figur?“, sagt sie, „kann ich verstehn, geht mir auch so.“ „Und dabei kriegt man die Frühjahrsmäntel kaum an, weil nach den verunglückten Wintern immer gleich Sommer kommt.“
„Ja, aber heute is das richtig schön. Woll'n wir uns nicht in ein Gartenlokal setzen?“ „Gern“, sag ich, „wir ham uns ja lange nich gesehn. Wie geht das Ihr'n Mann? War der nich krank?“ „Den geht das saugut, der is dauernd mit sein E-Roller unterwegs, krieg ihn kaum noch zu sehn.“ „Is das nich gefährlich für ältere Leute?“, sag ich ganz erschrocken. „Ne, ne, da brauchen Sie keine Angst ham. Wenn er ältere Leute sieht, steigt er immer ab, sagt er“, will sie mich beruhigen.
„Ich mein doch gefährlich für ihn selbst“, sag ich, „kann sich doch alle Knochen brechen.“ „Er fühlt sich topfit, seit er bei der Herzsportgruppe is.“ „Herzsport macht er auch? War er nich immer entsetzlich unsportlich?“, frag ich erstaunt. „Ich erinner mich, dass er so gern zur Grippeimpfung ging, weil er denn den ganzen Tag kein Sport machen durfte.“ „Das is vorbei. Seit seine Herzkrankheit is er vernünftig geworden“, meint sie. „Ja, wenn man son Schuss vorn Bug kriegt. Apropo Schuss, ich hätt gern 'n Schuss Rum in mein Tee“, sag ich zu den Kellner.
Plötzlich kracht das hinter uns auf'n Fußweg. Zwei ältere Leute liegen auf der Nase, und 'n E-Roller daneben. Passanten kommen angelaufen. „Der Rollerfahrer hat Schuld“, ruft eine Frau, „ich hab das genau gesehn.“ Frau Fuchtel stürzt auf ihr'n Mann zu. „Hat er nich!“, kreischt sie, obwohl sie gar nix gesehn hat. „Mein Mann steigt immer ab, wenn er 'ne ältere Person sieht.“ Da entdeckt sie, dass das gar nich ihr Mann is. Erleichtert kommt sie zu mir an' Tisch zurück, aber noch ganz blass und bestellt sich auch 'n Tee mit Schuss. Hinter uns is'n Menschenauflauf, Krankenwagen kommt. Wir gucken nich hin. „Mein Mann kann was erleben, wenn er nach Hause kommt“, sagt sie. „Mir so ein' Schreck einzujagen.“ „Aber ihn is doch gar nix passiert“, sag ich, „freun Sie sich doch.“ „Er hätte sich alle Knochen brechen könn', ham Sie selbst gesagt!“, faucht sie mich an.
Ich nehm ihr das nich übel, das is der Schock. Und denn diese Frühlingsluft. Da kann auch 'ne ältere Frau mit Figurprobleme noch aus'n Trott komm'. Ja, ja, der Frühling und die Liebe.