Geschichten von Mensch zu Mensch von Sonja Marlin

DER FEIND IM RUCKSACK

Letztens bein Walken treff ich meine Nachbarin doch tatsächlich in Wald, auch mit Walkingstöcken, und sie sagt: „Sie ham ja ein Tempo drauf, Frau Seidenhaar, vor wen laufen Sie denn wech?“ „Vor meine Feinde“, sag ich. „Was für Feinde?“ „Na, die Lactose, das Gluten, der Terror und nu auch noch die Kohlenhydrate. Is doch schrecklich. Nich mal trocken Brot darf ich mehr essen, wenn ich nachts Hunger hab.“ „Und Sie meinen, in Wald treffen Sie keine Kohlenhydrate.“ „Is Ihnen schon mal ein einziges kleines Kohlenhydrat in Wald begegnet, Frau Fuchtel“, geb ich zurück. „Ne, aber viele kleine Insekten.“ „Ja, das sind ja gesunde Proteine, und nu muss ich weiter. Und ich muss auch allein gehn, weil mir unterwegs doch immer Gedichte einfallen.“ Wir gehn jeder in unsere Richtung weiter, und mir fällt auch schon bald was ein. „Die Mücke. Ein böses Tier hat mich gestochen, es war kein Hering und kein Rochen und auch gewiss kein Elefant, denn es geschah am Waldesrand, wo jedes Tier den Feind erkennt und ständig um sein Leben rennt. Nur ich, verträumt und ohne Hast, war auf die Mücke nicht gefasst. Doch hätte ich an sie gedacht, hätt' sie dasselbe wohl gemacht. Von einer Mücke sollte man nicht viel erwarten, wenn man kann.“ Ich setz mich auf ein' Baumstumpf, um das aufzuschreiben, hab ja
immer alles im Rucksack dabei, denn hol ich mein Butterbrot raus, denn Hunger hab ich nu auch. Und wie ich grade so kräftig reinbeißen will, kommt doch meine frühere Nachbarin wieder vorbei. Hat denselben Rundgang gemacht wie ich, und sagt: „Was seh ich denn da? Ich denk, Sie essen keine Kohlenhydrate mehr. Wo kommt denn das Butterbrot her?“ Ich sag: „Das hat sich hintern Busch versteckt und is mir direkt in' Rucksack gesprungen. Soll ich Ihn mal mein Gedicht vorlesen?“ Sie hört sich das an und sagt: „Schönes Gedicht. Und so weise. Die Mücke is wie Sie.“ „Wieso das denn?“, will ich wissen. „Von Ihn kann ich auch nich viel erwarten, schon gar nich, dass Sie die Wahrheit sagen. Von wegen Sie essen keine...“ „Dichter dürfen Sie nich so bein Wort nehm', Frau Fuchtel“, sag ich. „Ja,ich weiß, die übertreiben immer und schweben in andere Fähren.“ „Machen Sie selbst mal 'n Gedicht“, sag ich. „Sie wern sich wunnern, wie schwer das is.“ Übernächsten Tag hab ich 'n Brief in Kasten. Und ein Gedicht: „Frau Seidenhaar, Sie sind ein Schatz. Sie dichten fast wie Ringelnatz. An Göte komm Sie zwar nich ran, doch witzig sind Sie, sagt mein Mann.“ – Donnerwetter. Ich bin sprachlos. Denn fällt mir ein: Siehat mich hinters Licht geführt. Das hat ihr Mann gedichtet. Ganz bestimmt. Sowas kann ich nich ab. Sich mit fremde Federn schmücken. Aber na ja, is ja auch irgendwie kreativ, Ihrn Mann zu beauftragen.