Ein Spaziergang durch Rahlstedt

Warme Gedanken
Weihnachten gemeinsam im Kreis der Familie oder mit Freunden zu feiern, was gibt es Schöneres? Ich weiß nicht, ob es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, genauso geht, aber mir wird das alles zu viel, Pandemie hin, Pandemie her. Glücklicherweise gibt es viele Möglichkeiten, die Weihnachtsfeiertage gemütlich zu gestalten, ob mit oder ohne Corona.
Gemeinsam spazieren gehen ist nur eine Option von vielen, wenn man Weihnachten 2020 gemeinsam verbringen möchte. Wir überlegen uns ein Ziel und proben schon einmal die Feiertage. Mit einem Picknickkorb wandern wir durch unsere wunderschönen Rahlstedter Parkanlagen. Mit dabei heiße Schokolade für die Kleinen, Kaffee für die Großen.
An der Rahlstedter Kirche machen wir halt und haben das Gefühl, die Zeit sei stehengeblieben. Sie gehört zu den ältesten Kirchen Norddeutschlands, hätten Sie es gewusst? Der vermutlich älteste Teil, das Langhaus, soll im 12. Jahrhundert erbaut worden sein. Einfach großartig, wie sie da steht, unsere Kirche. Wir stellen uns vor, was diese Kirche alles erlebt hat, was sie uns erzählen könnte und noch erleben wird. Da wird unser Kummer, um diese ungewöhnliche Adventszeit, auf einmal so banal. Wir haben zu essen und zu trinken, wir müssen nicht hungern oder frieren, ja es geht uns gut. Wir trinken einen Schluck heißen Kaffee und machen uns auf. Es gibt noch so viel zu entdecken – gemeinsam in netter Gesellschaft, natürlich mit dem gebotenen Abstand, macht alles doppelt so viel Spaß.
Wir schmunzeln bei dem Gedanken an die Feiertage der letzten Jahre. Es wurde immer zu viel gegessen und Zeit blieb vielleicht gerade für einen kleinen Verdauungsspaziergang, wenn überhaupt. Oft musste ein Verdauungsschnäpschen den Spaziergang ersetzen. Dieses Jahr wird alles anders. Wir werden die besinnliche Zeit genießen, denn sie ist besinnlich! Das heißt: Verpflichtungen gibt es keine. Auch schön! Vorbereitungen, Stunden in der Küche, die Terminplanung über Weihnachten und Silvester fallen aus. Irgendwie ist mir dieser Gedanke fremd, lief halt alle Jahre perfekt. Ob es 2021 besser wird? Darüber kann ich erst im nächsten Jahr berichten. Wir haben endlich Zeit, lassen uns treiben und genießen erstmal diese herrliche Wanderung durch Rahlstedt.
Wir erreichen den Liliencron Park. Mein Gott wie schön, gerade bei diesem Licht, die blaue Stunde. Wir genießen es und setzen uns auf die Bank. Was für ein Anblick, das Liliencron-Denkmal! Ich denke so bei mir, man könnte mehr daraus machen. Normalerweise laufen wir nur dran vorbei. Aber diesmal möchte ich mehr wissen. Detlev von Liliencron hat in Rahlstedt gelebt und hat hier seine letzte Ruhestätte gefunden. Von ihm stammt der Satz: „Bleiben wir tapfer und werden wir immer milder, lasst uns fröhlich sein, fröhlich die paar Tage auf Erden.“
Die Worte bewegen mich, bekommen 2020 einen ganz neuen Sinn. Es wird immer komplizierter, dabei könnte alles so leicht sein. Wir Menschen sind es, die es kompliziert machen. Alles muss immer besser werden und immer schneller. Die Weihnachtsfeiertage 2020 werden nicht die gleichen sein wie die Jahre zuvor, ob sie schlechter wer-den? Ich hoffe nicht. In diesem Jahr werde ich nicht Tage vorher das Essen vorbereiten, Menükarten schreiben und damit beschäftigt sein, alles perfekt zu machen. Ich lasse mir Zeit, habe mir vorgenommen, mit meinen Lieben ein Lebkuchenhaus zu backen und Weihnachtslieder zu singen. Und danach gemeinsam und mit viel Zeit zu kochen, statt allein und unter Stress.
Silvester zu Hause, das wird auch eine ganz neue Erfahrung. Die Restaurants, wenn sie Silvester überhaupt geöffnet haben, dürfen nicht das volle Programm bieten. Daher besinne ich mich auf die alten Zeiten, mit Bleigießen und Gesellschaftsspielen, mit Käse-Igel, Hackbällchen, Kartoffelsalat und mit einer selbstgemachten Silvesterbowle.
Viele langjährige Mitglieder werden sich noch an unseren ehemaligen Hausmeister Gustav Kabel erinnern. Seine Frau Karin hat jedes Jahr am letzten Arbeitstag für uns „Futjes“ gebacken. Nichts für Menschen, die Kalorien zählen, aber für mich und meine Kollegen war das immer der Beginn der Weihnachtstage. Ich suche gerade verzweifelt nach dem Rezept, haben Sie es noch? Ich finde es leider nicht mehr.
Nun hoffe ich, dass meine Lieben die Begeisterung für die andere Art, die Festtage zu feiern, mit mir teilen werden. Ich freue mich wie Bolle auf die Feiertage, auch wenn sie in diesem Jahr ganz anders verlaufen werden.
Versuchen Sie es auch einmal und entdecken die schönen Seiten in Ihren Quartieren – gehen Sie raus! Ob in Altona, Eimsbüttel, Wandsbek, Öjendorf und Volksdorf. Das Virus gibt uns gezwungener Maßen die Zeit, vielleicht sollte es so sein! Und wenn Sie das Futjes-Rezept von Frau Kabel haben, dann schicken Sie es mir.
In diesem Sinne, bleiben Sie gesund und kommen Sie gut in das neue Jahr!
Ihre Sabine Hammann

Detlev von Liliencron wurde 1844 in Kiel als Sohn eines Zollverwalters und einer Generalstochter geboren. 1875 musste er aufgrund von Spielschulden den Militärdienst quittieren. Er versuchte sich kurze Zeit erfolglos unter anderem als Sprachlehrer und Pianist in Amerika. Nach seiner Rückkehr fand er Arbeit als Gesangslehrer in Hamburg. Später erhielt er auf der nordfriesischen Insel Pellworm eine Anstellung als Landesvogt. Auch dieses Amt musste er infolge von Schulden aufgeben. Danach konnte er zwar als freier Schriftsteller in München, Berlin, Altona und Ottensen von sich reden machen, doch die Einkünfte reichten erneut nicht aus, um seine hohen Schulden zu tilgen. So versuchte er nun, mit Vortragsreisen Geld zu verdienen. 1901 konnte er mit Unterstützung von Freunden eine feste Wohnung in Alt-Rahlstedt beziehen. Dort starb er 1909 an Lungenentzündung. In seinen letzten Jahren erhielt er ein jährliches Ehrengehalt von 2.000 Mark durch Kaiser Wilhelm II. Heute gilt von Liliencrons Lyrik als bedeutende Wegmarke des Naturalismus im späten 19. Jahrhundert.

Die Alt-Rahlstedter Kirche ist eines der ältesten Kirchengebäude im norddeutschen Raum. Ihre ältesten Teile stammen wahrscheinlich aus dem späten 12. Jahrhundert. Heute stellt sie sich als Ergebnis verschiedener Bauperioden mit einer bewegten Geschichte dar. So ist der 30 Meter hohe Turm zusammen mit der westlichen Vorhalle erst im frühen 17. Jahrhundert errichtet worden. Die Kirche ist ein wirkliches Kleinod in Rahlstedt und beherbergt im Inneren auch sehenswerte Kunstwerke.