Geschichten von Mensch zu Mensch von Sonja Marlin

SCHÖNE BESCHERUNG UND DIE NACHFREUDE
Treff ich meine frühere Nachbarin, Frau Fuchtel, neulich in Einkaufszentrum. „Na“, sag ich, „ham Sie Weihnachtsgeschenke eingekauft?“ „Ja“, sagt sie, „die ham die Preise wieder ganz schön angehoben, finden Sie nich auch?“ „Nich nur die Preise“, sag ich, „die Kleidergrößen werden auch dauernd angehoben, is Ihn’ das schon aufgefalln? Was ham Sie denn da inne Tüte, was für Ihr’n Mann?“ „Ja, das is ‘n Jogginganzug.“ „Was. Will der plötzlich anfang’ zu joggen?“ „Das hoff ich.“ „Frau Fuchtel, wenn er das nich freiwillig macht, denn freut er sich doch da nich über.“
„Ja, wenn ich ihn ‘ne Freude machen soll, denn muss ich ihn zehn Gutscheine für die Grippeimpfung schenken. Da kommt er immer ganz fröhlich nach Haus und sagt: Ich darf heute kein’ Sport machen. Dabei macht er das sowieso nie.” „Is aber ‘n Unterschied, wenn man mit guten Gewissen kein’ Sport macht, das kann ich nachfühl’n“, sag ich.
„Aber warum schenken Sie sich überhaupt noch was, muss man doch heutzutage gar nich mehr.“ „Nö, wir machen das ja auch schon zehn Jahre nich mehr. Aber falls mein Mann nu doch was für mich hat, muss ich ihn doch auch was schenken.“ „Und was machen Sie mit den ganzen Sachen, die sie nich loswerden?“ „Heb ich auf bis April, wenn er Geburtstag hat“, sagt sie. „Vielleicht macht er das ja genauso“, werf ich ein. Da hellt sich ihr Gesicht mit einmal auf und sie sagt: „Und ich hab mich so über die Pudelmütze geärgert, die ich im Mai zun Geburtstag gekriegt hab! Das war ‘n Weihnachtsgeschenk. Nu kriegt er dieses Jahr aber was.“
„Tauschen Sie den Jogginganzug aber lieber gegen ein’ Schlafanzug“, sag ich. „Und wenn Sie ihn ‘ne besondere Freude machen woll’n, lassen Sie da aufdrucken: Ich darf heute kein’ Sport machen.“ Da guckt sie mich ganz giftig an, und ich merk, was ich gesagt hab. „Ne“, sag ich, „das is aber auch wirklich schwer, das richtige Geschenk zu machen. Wenn ich an letztes Jahr denk. Mein Sohn wollte mir unbedingt ein Smartphone schenken. Ich sag: ‚Das muss aber ganz leicht zu bedien’ sein, darf nich so viel Gebühr’n kosten und soll auch nich so oft klingeln.‘ ‚Aber Fotos möchtest du doch sicher machen?‘ fragt er. ‚Ne‘, sag ich, ‚muss auch nich sein.‘
Und wissen Sie, was er mir geschenkt hat? Ein Smartphone aus Schokolade.“ „Und was ham Sie gesagt?“ „Garnix. Ich hab heimlich auf Rache gesonn’. Ich hab das eingeschmolzen, Pralinen aus gemacht, eingefror’n, und dieses Jahr kriegt er das zurück.“ „Als Pralinen.“ „Ja. Ich freu mich schon auf sein Gesicht, wenn er die erste gegessen hat und ich sag: Jetzt hast du mein Smartphone runtergeschluckt.“ „Sie sind ja gemein“, sagt sie. „Und Sie woll’n mir erzähl’n, wie man Weihnachten Freude macht.“ „Ach“, sag ich, „die eigentliche Freude kommt doch immer ers auf, wenn man hinterher über all die Pannen reden kann, die unter’n Weihnachtsbaum passiert sind. Also ärgern Sie sich nich, wenn Sie Heiligabend vielleicht enttäuscht sind, sondern überlegen Sie schon mal, wie sie da ‘ne schöne Geschichte aus machen könn’.“